Interpretation von Patient-Reported-Outcome-Daten
Fallbeispiel 1: Interpretation der PRO-Ergebnisse der Patientin Emily
Beispiel 1: Emily Summer
Emily ist 66 Jahre alt und wurde mit lokal fortgeschrittenem Brustkrebs diagnostiziert. Sie unterzieht sich derzeit einer Hormontherapie und hat gerade mit einer Strahlentherapie begonnen. Die Behandlung wird ambulant durchgeführt.
Emily wird an PROMs herangeführt, um ihre Symptome und ihr Wohlbefinden im Blick zu behalten. Sie wird gebeten, den Fragebogen EORTC QLQ-C30 zum ersten Mal im Wartezimmer auf einem Tablet auszufüllen.
Die Ergebnisse werden automatisch in der klinischen Dokumentation gespeichert und während der ärztlichen Konsultation gemeinsam am Bildschirm begutachtet und besprochen (siehe Kapitel 8 zur Kommunikation von PRO-Daten). Die Software der Klinik wendet die EORTC-Schwellenwerte für klinische Relevanz (Giesinger et al., 2020) an und zeigt farbcodierte Balken (0–100) für die Symptomskalen.
Symptome oberhalb des Schwellenwerts werden rot hervorgehoben: Fatigue, Schmerz, Schlafstörungen
Geleitet von diesen „Red Flags“ exploriert die behandelnde Person die Themen, indem sie sie ausführlicher mit Emily bespricht:
- Schmerz und Fatigue beeinträchtigen Emilys Alltagsfunktion (körperlich/Rolle).
- Schlafprobleme stehen mit emotionaler Belastung/Grübeln in Zusammenhang und tragen zur Fatigue bei.
Nach der Besprechung von Emilys Symptomen vereinbaren sie, ihre Medikation anzupassen, um die Gelenkschmerzen zu verringern. Die behandelnde Person betont die Bedeutung körperlicher Aktivität bei Fatigue, geht auf Schlafprobleme und emotionale Belastung ein und veranlasst eine Überweisung an eine:n Psychoonkolog:in.
Emily füllt den QLQ-C30 wiederholt vor ihren wöchentlichen Strahlentherapieterminen mit ihrem elektronischen Gerät von zu Hause aus über das Patientenportal aus.
Die Querschnittsbetrachtung einige Wochen später zeigt, dass die Gesamtsymptombelastung abgenommen hat, Fatigue jedoch klinisch relevant bleibt (weiterhin rot). Darauf angesprochen, beschreibt Emily Fatigue als ihr am stärksten belastendes Symptom.
Die longitudinale Darstellung der drei für Emily relevantesten Symptome hilft, Veränderungen im Zeitverlauf zu interpretieren.
Die rote Linie markiert den Schwellenwert für klinische Relevanz, darunter ist die Behandlungsphase dargestellt (RT = Strahlentherapie).
Die PROMs weisen trotz einer vorübergehenden Besserung auf eine anhaltende Fatigue hin; Emily berichtet, dass es ihr schwerfällt, die Empfehlungen zum Selbstmanagement von Fatigue umzusetzen. In diesem Bereich benötigt sie weiterhin Unterstützung. Der Schmerz hat abgenommen und sich auf niedrigem Niveau stabilisiert, emotionale Belastung und Schlafprobleme haben sich verbessert. Emily bestätigt, sich diesbezüglich etwas besser zu fühlen. Sie vereinbaren, die aktuelle Medikation und die laufende psychoonkologische Unterstützung fortzusetzen.
In Emilys Fall ermöglichten die schwellenwertbasierten, farbcodierten PRO-Darstellungen eine rasche Identifikation klinisch relevanter Probleme (Screening) und halfen – in Kombination mit longitudinalen Trends (Monitoring) –, die supportive Versorgung und die Folgegespräche über den Behandlungsverlauf hinweg abzustimmen.


