From Bench to Bedside: Beispiele aus der klinischen Praxis
Beispiel 3: Universitätsklinikum Besançon - Onkologieabteilung, Frankreich - Tagesklinik
Hintergrund
Über 500 neue Krebspatient:innen pro Jahr beginnen in der onkologischen Ambulanz des Universitätsklinikums Besançon eine systemische Behandlung. Jede:r Patient:in hat vor Therapiebeginn ein eigenes Gespräch mit einer Pflegefachperson. In diesem Gespräch, der sogenannten „caregiver support time“, erläutert die Pflegefachperson die Behandlung und die Nebenwirkungen und bespricht den Bedarf der Patient:in an supportiver Versorgung.
Eine Tagesklinik für supportive Versorgung wurde im Januar 2019 am Universitätsklinikum Besançon eingerichtet. Sie bietet Patient:innen je nach Bedarf Termine mit mehreren Fachkräften der supportiven Versorgung an einem dafür vorgesehenen Ort und zu einer festgelegten Zeit. Patient:innen können dort gesehen werden, nachdem ihre "caregiver support time" stattgefunden und ihr Bedarf an supportiver Versorgung identifiziert wurde, oder immer dann, wenn Onkolog:innen dies für erforderlich halten. Auf supportive Versorgung spezialisierte Onkolog:innen koordinieren den Versorgungspfad der Patient:innen durch die Tagesklinik für supportive Versorgung.
Die elektronischen PRO-Erfassungen sind seit Dezember 2020 für Patient:innen implementiert, die die "caregiver support time" durchlaufen, sowie für jene, die in der Tagesklinik für supportive Versorgung behandelt werden.
Bedarfsorientierte supportive Versorgung: In der "caregiver support time" und der Tagesklinik für supportive Versorgung werden ePROs genutzt, um einen Überblick über die HRQoL der Patient:innen zu geben und den Fachkräften zu helfen, den Bedarf an supportiver Versorgung zu identifizieren. Die ePRO-Daten werden unter den beteiligten Gesundheitsfachpersonen geteilt.
Einbezogene Patient:innen: Alle ambulant behandelten Krebspatient:innen werden unabhängig von ihrer Diagnose einbezogen.
Instrument: EORTC QLQ-C30
Erfassungszeitpunkte:
- Behandlungsbeginn
- Während der "caregiver support time"
- Bei jedem Besuch der Tagesklinik für supportive Versorgung
Wir nutzen ePROs über CHES: Patient:innen füllen PROMs auf Tablets aus, und die Gesundheitsfachpersonen sehen grafische HRQoL-Werte am Computer durch. CHES wendet die Schwellenwerte für klinische Bedeutsamkeit von Giesinger et al.1 an und hebt Domänen, die besprochen werden sollten, in Rot hervor.
Leitung und Zeitpunkt der Implementierung: Die Implementierung wurde von einer leitenden Pflegefachperson, einer:einem Onkolog:in und einer Forschungskoordinatorin geleitet. Hochmotivierte Gesundheitsfachpersonen mit Expertise in der HRQoL-Forschung waren ein zentraler förderlicher Faktor. Der Roll-out in der Tagesklinik für supportive Versorgung begann, als die Einheit neu gegründet wurde.
Aktueller Stand und Arbeitsabläufe: Die HRQoL-Erfassung ist inzwischen gut etabliert, vor allem weil die leitende Pflegefachkraft das Team motiviert und die Forschungskoordinatorin die softwarebezogenen Aufgaben übernimmt. Die systematische Durchsicht der HRQoL-Daten während der caregiver support time erfolgt jedoch noch nicht einheitlich durch alle Pflegefachpersonen. Die leitende Pflegefachperson sieht die Daten täglich durch, wenn die Kolleg:innen dies nicht getan haben.
Datenspeicherung und Interoperabilität: Anonymisierte HRQoL-Daten werden auf CHES-Servern gespeichert. Die Interoperabilität zwischen CHES und der regionalen Gesundheitsdatenbank wird entwickelt, verzögert sich jedoch aus externen Gründen.
Schulung: Alle Gesundheitsfachpersonen erhielten zu Beginn der Implementierung Einzel- und Gruppenschulungen. Neue Mitarbeitende erhalten eine Einzelschulung durch die Forschungskoordinatorin, die PROM-Konzepte und die Nutzung von CHES umfasst.
Bevorstehende Studie (SOS-DETEQT): Eine Studie soll demnächst starten, um zu prüfen, ob die Nutzung von HRQoL-Werten und Schwellenwerten für klinische Bedeutsamkeit durch Pflegefachpersonen die Identifikation des Bedarfs an supportiver Versorgung zu Behandlungsbeginn verbessert. Der Studienstart wird zudem genutzt, um die Gesundheitsfachpersonen erneut einzubinden und die Bedeutung des Sichtens und Besprechens der HRQoL-Ergebnisse mit den Patient:innen zu bekräftigen.
PRO-Daten werden in CHES als Histogramm-Grafiken dargestellt. Anhand der Schwellenwerte von Giesinger et al. werden die Balken rot oder grün eingefärbt, um anzuzeigen, ob eine Domäne besprochen werden sollte. Die Ergebnisse können für einen einzelnen Zeitpunkt oder längsschnittlich betrachtet werden, um Veränderungen im Zeitverlauf zu verfolgen.
Da es keine formalen Interpretationsleitlinien gibt, erfolgt die Bewertung durch Pflegefachpersonen und andere Gesundheitsfachpersonen.
"Caregiver support time": Pflegefachpersonen besprechen die HRQoL-Ergebnisse mit den Patient:innen; die Ergebnisse können auch in der elektronischen Patient:innenakte dokumentiert werden.
Tagesklinik für supportive Versorgung: Alle Gesundheitsfachpersonen dürfen die HRQoL-Ergebnisse besprechen, in der Regel tun dies jedoch die Pflegefachpersonen. Die Pflegefachpersonen sehen die Ergebnisse zudem täglich gemeinsam mit den Onkolog:innen durch (telefonisch oder persönlich).
Austausch im Team: Eine wöchentliche multidisziplinäre Besprechung bietet einen festen Rahmen, um PRO-Daten zu besprechen.Die Maßnahmen umfassen vor allem die Anpassung der supportiven Versorgung und die Verordnung supportiver Behandlungen.
Derzeit gibt es keine systematische Rückmeldung, die Nachverfolgung erfolgt überwiegend durch Pflegefachpersonen, und Patient:innen haben noch keinen Zugang zu ihren HRQoL-Daten. Wir möchten Patient:innen eine standardisierte Rückmeldung bereitstellen, die über die SOS-DETEQT-Studie implementiert wird.
IT-Ressourcen einschätzen: Teams, die ePROs implementieren möchten, sollten zunächst das digitale Umfeld der Gesundheitsfachpersonen und die verfügbaren IT-Ressourcen einschätzen.
Lokale Champions: Wir empfehlen, lokale Champions zu benennen, die erforderlichen personellen Ressourcen einzuplanen und den im klinischen Alltag benötigten Zeitaufwand realistisch einzuschätzen.
1Giesinger JM, Loth FLC, Aaronson NK, Arraras JI, Caocci G, Efficace F, Groenvold M, van Leeuwen M, Petersen MA, Ramage J, Tomaszewski KA, Young T, Holzner B; EORTC Quality of Life Group. Thresholds for clinical importance were established to improve interpretation of the EORTC QLQ-C30 in clinical practice and research. J Clin Epidemiol. 2020 Feb;118:1-8. doi:10.1016/j.jclinepi.2019.10.003. Epub 2019 Oct 19. PMID: 31639445.